Die Sebastianusbruderschaft Hatte die Marienbruderschaft lediglich religiöse Bedeutung, so verband die Sebastianusbruderschaft damit zugleich einen militärischen Zweck. Während ursprünglich jeder freie Oermane heerbannpflichtig war, drängten später die Ritter das Volksheer zurück. Doch hat man nie ganz darauf verzichtet. Namentlich das aufkommende Landesfürstentum pflegte die Landmiliz. In Kriegszeiten wurden die Schützen aufgeboten zur Bewachung der Landwehren, der Hamaien, der Burgen, zur Ergreifung umherstreifender Söldner, in Friedenszeiten als eine Art Landes- polizei auf den großen Märkten, zur Zwangsvollstreckung jeder Art, zur Bewachung von Feld und Flur und zur Ergreifung von Diebes- und Räuberbanden. Der Amtmann befehligte die Schützen, die Gemeinde zahlte die Entschädigung. Mochte nun auch der militärische Wert dieser Miliz nicht groß sein, eine Ausbildung irgendwelcher Art mußte doch voraus- gehen. Diese übernahmen die Schützengesellschaften, die sich meist unter dem Schütze des heiligen Sebastianus, der als Befehlshaber der kaiserlichen Leibwache am 20. Januar 288 den Martertod erlitt, als kirchliche Sebastianusbruderschaften auf- taten. Dazu kam dann als Drittes Pflege der Geselligkeit. Während einige Bruderschaften ihren Ursprung bis ins 14. und gar 13. Jahrhundert zurückführen können, tauchen in unserer Gegend allgemein gleich nach 1400 die Zeugen einer Wehr- organisation auf. In Neuss traten die Schützengesellen im Jahre 1415 zur Gründung der Sebastianusbruderschaft zu- sammen. Aller Wahrscheinlichkeit nach geschah dies aber im ganzen Dekanate. Der Silbervogel der Sebastianusbruderschaft in Giesenkirchen trägt die Jahreszahl 1422. Der um diese Zeit in dem Dingstuhl Unterbroich aufkommende Flur-, spätere Orts- name Schiefbahn = Scheibenbahn zeigt, daß auch dort eine eifrige Schützentätigkeit herrschte. In Kaarst stifteten am 20. Januar 1452, auf Sebastianustag, Dithmarus und Lambert von Lovenbergh, die zwei Provisoren und sämtliche Sebastianus- brüder (im ganzen waren 26 anwesend) in der Kirche 42 M. Land aus dem Vermögen der Bruderschaft (sie bestand also schon recht lange) zu einem ewigen Priesterdienst zu Ehren des heiligen Sebastianus. 1495 ist die Bruderschaft, zu der von Anfang an Brüder und Schwestern gehörten, ebenfalls noch in voller Blüte. In Büttgen wird die Bruderschaft im ältesten vorhandenen Register von 1535 als längst bestehend aufgeführt. Das früheste Königssilber datiert von 1631. Auch in Glehn darf man ihren Ursprung mit Recht gleich nach 1400 ansetzen. 1444 ist der Sebastianusaltar bereits vorhanden. Am 29. September 1451 vermachte Mechtilde Wolf u. a. der Sebastianusbruderschaft in Glehn zu einem Jahrgedächtnis 3 M. Land bei Epsendorf an dem sog. Jonkelsveld zwischen den Äckern von Gerhard Scharantz und der Klarissen in Neuss. Das älteste erhaltene Register vom Jahre 1489 enthält an Einkünften 30 Ml. Korn (1641 noch 18 Ml.). Der Landbesitz betrug 1663 23i/a M. 18 R. 22 F. Der Altar der Bruderschaft war mit einer Vikarie verbunden, zu dem die Brüder den Geistlichen selbst ernannten. In Kriegszeiten gingen die Bruderschaften vielfach zugrunde. Doch drangen die Behörden immer wieder auf Erneuerung derselben. So wurde die Bruderschaft in Giesenkirchen und in Büttgen (1641 bestand sie nicht mehr) nach dem Dreißig- jährigen Kriege wieder zum Leben erweckt. In Glehn wurde sie 1617 wieder hergestellt. Am 19. Juni 1719 erhielten ihre alten Statuten vom Kölner Kurfürsten Josef Klemens auf Antrag des Vorstehers und des Brudermeisters die landesherrliche Genehmigung. Das Hauptfest, das Bruderschaftsbegängnis, war am Se- bastianustag. An diesem versammelten sich alle Brüder um 9 Uhr zum Hochamt. Nach der Predigt wurden die Namen der verstorbenen Brüder und Wohltäter verlesen und für sie gebetet. Während der Präfation hielten die Brüder Opfergang um den Altar. Nach dem Amte wurde das Libera gesungen und das Weihwasser ausgeteilt. An dessen Stelle trat später am Nachmittage eine Segensandacht und am folgenden Tage ein Seelenamt für die verstorbenen Brüder. Bei der Bruder- schaft waren auch Jahrgedächtnisse gestiftet, 1520 drei Den kirchlichen Dienst am Sebastianusaltar besorgten von jeher im Auftrage der Brüder ein Pater von St. Nikolaus. Peter von der Weiden (f 1554) schrieb: "Der Vorsteher der Sebastianus- bruderschaft in Schlich ist auf Grund eines uralten Vertrages verpflichtet, dem Pater von St. Nikolaus auf Remigius 20 Ml. Korn zu geben. Ferner mußte auch der Vorsteher der Kirchenfabrik wegen des Sebastianusaltares 10 MI. geben. Den überschießenden Teil der Einkünfte verwandte die Bruderschaft in selbstlosester Weise für die Armen und zu kirchlichen Zwecken. Nach der Zusammenlegung der Marien- und Se- bastianusvikarie (1652) erhielt sie aus den Einkünften jährlich 2 Ml. Korn zurück, eines für den Schützenkönig, das zweite für ein ehrenvolles Begräbnis der Brüder. Als nun durch die fran- zösische Gesetzgebung das Vikarievermögen der Pfarre über- lassen wurde, stellte die Kirchenkasse von 1826-1831 die Zahlung der 2 Ml. wie auch der seit alters üblichen Rente von 10 Rt. 55 Stb. ein, weil die Bruderschaft nach dem französischen Rechte keine öffentliche Anerkennung gefunden habe. Doch setzten nachdrückliche Forderungen es schließlich durch, daß fernerhin die beiden Ml. Korn und die Spende wieder gezahlt wurden. Eine besondere Ehre sah die Bruderschaft seit je in der Begleitung des Allerheiligsten. Die Brüder zogen dann in Wehr und Waffen, d. i. bis 1600 in Helm, Harnisch und Bogen, später mit Gewehr, dem eucharistischen Heiland voran. In ihrer Mitte trugen sie das Bild ihres Schutzpatrons (schon 1488 erwähnt). Ihnen voran zog die Fahne. Hinter der Fahne ging der Bruder- könig in seinem herrlichen Silberschmuck. Auch dies ist schon für das Jahr 1666 und früher bezeugt. Als Anerkennung für die Dienste bei der Gottestracht erhielten die Brüder einen Trunk auf Kosten der Kirche. 1628 bestand er in IVa Ahm, 1645 in 22 Quart, 1654 erhielt jeder Bruder eine Flasche und 1708 2 Quart. Später betrug die Spende 2 Ahm für die Brüder aus Qlehn, und l Ahm für die aus Liedberg. Diese Spende wurde zu Anfang des 19. Jahrhunderts auf 8 Rt. 55 Stb., seit 1855 auf 6 Ta. 25 Sgr. festgesetzt. Ursprünglich nahmen die Brüder auch an dem großen Kirchenessen teil, das nach den Sakraments- prozessionen auf allgemeine Kosten bei einem Glehner Wirt stattfand. Als aber die Zahl zu groß wurde, vertraten der König, der Fähnrich, der Hauptmann und der Brudermeister die Gesamtheit. An den gewöhnlichen Prozessionen nahmen die Brüder in einem bescheideneren Aufzuge teil, nur das Se- bastianusbild in ihrer Mitte. Um das Jahr 1500 hatten die Bruderschaften der verschiedenen Orte unter sich eine lebhafte Verbindung-. So treffen wir die Qlehner verschiedentlich bei den Veranstaltungen und Festen in Neuß und Qladbach. Auch durch ihre Organisation war die Sebastianusbruder- schaft stets aufs engste mit der Kirche verbunden. Ursprünglich standen zwei Brudermeister an der Spitze, von denen einer der regierende war. Dieses Amt haben vor 1600 meist die Herren von Schlickum bekleidet. Als nun 1652 die Zusammenlegung des Marien- und Sebastianusaltares stattfand, wurde der Inhaber beider Vikarien jedesmal eidlich verpflichtet, das Vorsteheramt zu übernehmen. Von jetzt an wählte man am Sebastianustag-e nur mehr einen Brudermeister aus der Reihe der Brüder. Der Präses setzte vier Brüder in die engere Wahl. Die anwesenden Mitglieder gaben nun beim Umgang um den Altar ihre Stimmen ab, die Mehrheit entschied. Der Gewählte wurde hierauf vom Präses, dem Pastor und den beiden ältesten Brüdern als Bruder- meister vorgestellt und vereidigt. Die Eidesformel lautete: "Ich schwöre, der Kirche und den Brüdern stets treu zu sein und nichts Hinterlistiges gegen die gemeinen Brüder vorzunehmen." Dann legte der Brudermeister seine Hand auf den Anfang des Evangeliums des heiligen Johannes mit den Worten: "Alles dieses beschwöre ich vor Oott dem Allmächtigen, den anwesen- den Priestern und Brüdern zu tun und zu halten, so wahr mir Gott helfe und sein heiliges Evangelium." Dem Brudermeister standen vier Beisitzer zur Seite, und zwar zwei von Qlehn und zwei von Liedberg. Der Brudermeister leitete die Bruderschaft, nahm Mitglieder auf, schloß aus ihr aus, verwaltete im Verein mit dem Kirchenrendanten das Vereinsvermögen und legte jährlich vor Sebastianustag vor dem Präses und den Beisitzern Rechenschaft ab. Beim Begräbnis eines Mitgliedes hatte er mit den Freunden Anrecht auf die Trauermahlzeit. Als Brudermeister werden genannt: 1519 Daem im Oven (Steinhausen). 1528 Gödert Rammetz, Robert Höveler. 1540 Gerhard Reipen, Heinrich Klauth. 1562 Johann Daem, Gördt zu Raedt. 1565 Gerhard Faßbender (Drölzholz). 1595, 1611 Dederich von Buren. 1660 Gördt Weitz. 1662 Heinrich Tappen, Heinrich Koch. Bis 1674 Peter Meurers. 1700 (f 25. Oktober) Bartholomäus Buschen. 1778 (f 20. Januar) Michael Drath. 1780 Heinrich Rath. 1807-1818 Johann Bonn. 1828 Johann Wolf. 1832-1857 Philipp Becker. Er feierte bei seinem Abschied sein silbernes Jubiläum, wobei ihn die Bruderschaft u. a. mit einem Fackelzug ehrte. 1857- (f) 1865 Ackerer Wilhelm Josef Gruben. 1865-1896 Ackerer Michael Baumeister. 1896-1910 Franz Anton Esser. Seit 1910 Sattlermeister Josef Mostert. Mitglieder der Bruderschaft konnten seit 1650 nur werden und bleiben die Angehörigen der Pfarre Qlehn, die einen guten Ruf besaßen. Auf ehrenvollen Namen wurde der größte Wert gelegt. Die Aufnahme konnte schon im Kindesalter erfolgen, der Genuß der Rechte trat aber erst ein, wenn jemand seine Bruderpflichten erfüllen konnte. 1855 wurde das Eintrittsalter auf 18 Jahre fest- gesetzt. Wen der Brudermeister aufnehmen wollte, den stellte er auf St. Sebastianustag oder unter der Rute dem Präses und den vier Beisitzern vor. Seit 1719 mußte der Eintretende 60 A. zum Schild und Kleinod und l Ro. an die Brüder zahlen. Jeder Bruder mußte beim Gottesdienst auf St. Sebastianus und unter der Rute zugegen sein. Wer fehlte, zahlte l P. Wachs als Strafe, das zu Ehren des Schutzheiligen verbrannt wurde. Bei der Gottestracht war jeder zu persönlicher Teilnahme verpflichtet, und niemand durfte sich durch kleine Jungen vertreten lassen. Das Recht der Brüder bestand in der Teilnahme am Vogel- schuß, im Genuß des Frei- oder Bruderbieres, dann in einem ehrenvollen Begräbnis. Alle begleiteten mit der Fahne den ver- storbenen Mitbruder zum Grabe. Beim Traueramte gingen sie um den Hochaltar und opferten. Dafür zog der Priester mit dem Kreuz auf das Grab und betete das Miserere und De pro- fundis. Um 1700 wurde beschlossen, zu allen vier Jahreszeiten eine Sing- und Lesemesse für die Verstorbenen halten zu lassen, wozu jeder jährlich 8 Pf. beisteuerte. Wer von diesem Beitrag frei sein wollte, zahlte doppeltes Eintrittsgeld oder stiftete seit 1800 ein silbernes Schild und hieß Freibruder. Seit 1857 ließ die Bruderschaft für die ärmeren Brüder ein Amt halten. im Jahre 1856 regte der damalige Präses, Vikar Schiefgen, die Einrichtung einer Krankenlade an. Wegen der schweren Zeit sollte die Kasse aber nur durch freiwillige Beiträge gespeist werden. Man wollte ferner von den neu Eintretenden 10 Sgr. erheben, außerdem die 12 Ta. für Freibier der Kasse zuführen; doch ging letzteres nicht durch. Weiter sollte auf Sebastianustag, dann noch zweimal im Jahre, im Frühjahr und Herbst, eine Sammlung bei den Brüdern stattfinden. 1857 brachte die Kollekte auf Sebastianus 8 Ta. 13 Sgr. 6 Pf., im Mai 13 Ta. 4 Sgr. 4 Pf., im Oktober 12 Ta. 5 Sgr. l Pf. Am 20. Januar 1857 wurde die Krankenkasse feierlich errichtet. Der damalige Schützenkönig Müller aus Steinhausen schenkte hierbei 9 Ta. 27 Sgr. 8 Pf. Bis 1858 waren 208 Ta. zusammen. Die Einnahmen wuchsen ständig. 1861 vermachte Sebastian Schmitz aus Rubbel- rath 100 Ta., deren Zinsen ebenfalls der Kasse zuflössen. 1858 wurden an Unterstützungen gezahlt 3 Ta. 4 Sgr. 8 Pf., 1859 9 Ta. 25 Sgr., 1863 an zehn Kranke 26 Ta. 10 Sgr. Die wohltätige Einrichtung zog sogar das Interesse der Staatsbehörde auf sich. Es bleibt jedenfalls ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Sebastianusbruderschaft, daß sie unter den ersten den Gedanken der sozialen Fürsorge gepflegt hat, zu einer Zeit, wo sonst noch wenig Verständnis für die Gemeinschaft herrschte. Der ursprüngliche Zweck der Sebastianusbruderschaft, Übung in den Waffen, fand seinen Höhepunkt in dem Vogelschuß. Da- neben gab es noch Übungsschießen auf die Scheibe. Schon 1534 führt das Ausgabebuch l A. für eine "royd zu den voigel" an. In allen Jahrhunderten kehrt der Vogelschuß wieder, der Pfingst- montag vor sich ging. Die Kriege verursachten immer nur eine kurze Unterbrechung. Als im Dreißigjährigen Kriege 1642-1645 Glehn von den Hessen drangsaliert worden war, fand doch 1646 wieder der Vogelschuß statt. Nachdem 1794 die Franzosen das Land besetzt hatten, nahm schon 1796 die Schützentätigkeit wieder ihren alten Lauf bis 1813. Nur in der Blütezeit des Polizeistaates (1825) und während der Besetzung 1919 ff. unter- sagte man den Brüdern den Gebrauch der Waffen. Um 1500 schoß man in Glehn noch mit der Armbrust. Peter zu Pillern (von Steinforth) zahlte 1503 für eine solche an die Bruderschaft l G.. Wann die Feuerbüchse aufkam ist nicht festzustellen. 1698 wird zuerst erwähnt, daß die Brüder mit dem Gewehr der Prozession beigewohnt haben. Es war der Bruderschaft nicht immer leicht, sich eine Vogelstange zu verschaffen. 1780 bat sie durch ihren Deputierten Heinrich Rath die Reichsgräfin von Salm-Dyck um einen Baum für eine Vogelstange, da sie selbst dazu kein Geld habe. 1811 wurde eine neue Schießrute im Dorfe Glehn am Flimmers errichtet. Weil sie aber hier den Häusern zu nahe stand, bot 1836 der Eigentümer des Schanzer- hofes, Wilhelm Hüsgen, der Bruderschaft an, die Rute auf sein Eigentum, den "trenken" Baumgarten am Spritzenhäuschen, zu setzen. Den ersten Schuß gab der Präses ab, den zweiten der Bruderkönig des letzten Jahres, den dritten der Brudermeister, nach den vier Beisitzern kamen die Brüder an die Reihe. Jeder mußte Schußgeld bezahlen. Wer den Vogel abschoß, wurde Bruderkönig, wer den Kopf herunterholte, erhielt eine besondere Prämie. Bruderkönig zu werden, war stets die höchste Auszeichnung. Ihn schmückte das Königssilber. Er erhielt eine besondere Zuwendung, und zwar bis 1651 161/2 Rt., seit 1652 l Ml. Korn aus dem Vikariefonds, ferner seit 1746 die Zinsen von 50 Ta. aus der Stiftung Klaudt, von seiten der Zivilgemeinde Freiheit von Hand- und Spanndiensten für ein Jahr, die aber auf die Dienste für 24 und später für 9 Kölner M. und 1854 auf vier Spann- und vier Handdienste beschränkt wurde. Seit 1865 trat eine Geldspende an ihre Stelle, zunächst von 4 Ta., dann 27 Mk. und seit 1910 von 15 Mk. In Liedberg war der Bruderkönig für 9 Kölner M. dienstfrei; statt dessen erhielt er seit 1840 4 Ta. preußisch und seit 1851 l Ta. preußisch aus der Kommunalkasse. Diese Rechte waren auch übertragbar, seit 1843 durften sie aber nur in die Hände des Brudermeisters zurückgegeben werden. Der Bruderkönig bestimmte, ob ein öffentlicher Aufzug, ein Schützenzug, stattfand. Es war gleichsam die Huldigung vor der neuen Majestät, die Besitzergreifung seiner Gewalt. Ehemals verband sich damit ein Festmahl der Brüder, Konreid genannt. Schon 1521 heißt es in den Akten: "als der koenyck sy konreyt hielt". Der Königsaufzug fiel auf den Sonntag nach Fron- leichnam. 14 Tage vorher war Beratung darüber. Ein Aus- schuß von 13 Mitgliedern übernahm die Vorbereitung. Die Teilnehmer am Zuge wählten sich selbst den sog. Chef, den Major und den Hauptmann. Diese ernannten dann ihre Adjutan- ten. Beim Aufzug der Schützen ritt der Chef mit seinem Ad- jutanten voran, dann folgte die Musik, hierauf die Schützen, zuletzt der Festausschuß mit dem König in der Mitte. Es war früher einmal Sitte, Hauptmannsstab und Bruderschaftsfahne an den Meistbietenden zu versteigern. Das so beliebte Fahnen- schwenken, zu dem eine große Kunstfertigkeit gehörte, war nur mit der alten Fahne gestattet. Seit vielen Jahren beschränkt sich die Bruderschaft auf die Teilnahme an der Fronleichnams- prozession, während eine besondere Schützengesellschaft, die 1911 ihr silbernes Jubiläum feierte, auf Kirmes "Zug macht". Auf ein prunkvolles öffentliches Auftreten legte die Bruder- schaft immer großes Gewicht. Dazu gehörte vor allem eine Fahne. Schon 1666 besaßen die Brüder eine "hervorragende seidene Fahne mit kriegerischen Abzeichen", die aber wohl viel weiter zurückreicht. 1698 finden wir wiederum eine Sebastianusfahne erwähnt. 1756 wurde eine Trauerfahne an- geschafft. Jeder Bruder steuerte 3 Stb. bei. Freiherr von Lohausen auf Fleckenhaus lieferte den schwarzen Seidendamast. Graf Salm-Dyck spendete einen Dukat in Gold dazu. 1819 erhielt die Bruderschaft eine neue Vereinsfahne, 1834 eine Kreuzfahne und 1914 wiederum eine neue, herrliche Vereinsfahne, die von den Schwestern am Kreitz angefertigt war. Unter den Kleinodien war stets das Königssilber das kost- barste. 1666 werden gelegentlich unter den Kostbarkeiten der Kirche die silbernen Schmuckstücke des Bruderkönigs auf- gezählt. Bei einem Einbruch in die Sakristei (16./17. Oktober 1699) ging alles verloren. Das Taufbuch zählt unter den ge- stohlenen Schätzen auf "den silbernen Vogel mit unzählbaren vielen und schönen Schildern der Sebastianusbrüder". Mit Eifer sammelte man seitdem ein neues Königssilber. Bis 1757 waren 45 Schilder im Gewichte von 2 P. 22 Lot geschenkt. Hiervon sind 11 verlorengegangen. 1831 waren 42 Schilder vorhanden; davon wurden vier zum Vorbeterstab verwandt. Manche "ver- ehrten" ein Schild bei ihrem Eintritt oder wenn sie Bruderkönig wurden. Das älteste Schild trägt in lateinischen Buchstaben die Aufschrift: "Ich Johannes Pullen gebe dees Scheit an den Neunen Vogel zu Geleen 1699." Noch drei andere Schilder tragen den Namen Pullen. Nur drei ganz einfache Schilder mit bloßem Namen des Spenders sind vorhanden, die übrigen sind mit kunst- sinnigen Verzierungen versehen. Besonders groß und schön ist das Schild mit der Aufschrift: Ludwicus Joannes Wilhelmus de Caicum et Lohausen 15. V. 1746 und dem Wappen des Stifters auf der ändern Seite. Ebenfalls zeichnet sich aus das Schild des Franz Arnold Freiherr von Frentz in Schlenderhan mit seinem Namen und Wappen. Andere Schilder zeigen das Bild des heiligen Sebastianus mit dem Namen des Gebers oder seines Namenspatrons, wieder andere haben die Abzeichen ihres Berufes darstellen lassen, so Johannes Scheulen 1792 Musik- instrumente, Johannes Mösges 1706 Metzgergeräte, Wilhelm Mösges 1728 Schreinerabzeichen. Bemerkenswert ist noch das Schild mit der Aufschrift: Wilhelm Kames, König im zweiten Jahr, daß die Franzosen dies Land im Besitz haben zu Qlehn 1796. Zu diesem Königssilber kam als weiteres Kleinod 1814 der Hauptmannsstab mit silberner Spitze und Kugel und 1856 der Vorbeter- oder Brudermeisterstab. Aus vier silbernen Schildern und einigen Münzen, im ganzen 88/4 Lot Silber, wurden die silbervergoldeten Figuren des heiligen Sebastianus und Pan- kratius hergestellt und auf der Spitze des Stabes angebracht. Das Silber der Sebastianusbruderschaft befand sich früher stets im Gewahrsam der Kirche. In den Kriegswirren 1785-1792 wurde es verborgen. Seither ist es nicht mehr an die Kirche zurückgekommen, sondern in der Hand des zeitigen Bruder- meisters geblieben. Doch hat sich der Kirchenvorstand das Recht vorbehalten, es jederzeit zurückzufordern und über den Verbleib Rechenschaft zu verlangen. Das Übergabeprotokoll vom S.Juni 1806 zählt auf den silbernen Vogel und 39 Schilder mit einer silbernen Kette, insgesamt 3 P. weniger 2 Lot Silber, 1848 mußte das Silber noch einmal vor den Demokraten ge- flüchtet werden. Außer den schon erwähnten gesellschaftlichen Veranstaltungen gab es noch Freibier am Abend des Sebastianustages. Dieses Bruderbier oder Sebastianus"geloch" wird schon 1489 er- wähnt. Seit 1650 wurde in Qlehn und zwei verschiedenen Ort- schaften außerhalb insgesamt für 6 Rt. Bier (= 3 Anker) verab- reicht und aus der Kornrente bestritten. Vor dem Auseinander- gehen gedachte man im Gebete der verstorbenen Brüder. Auch beim Vogelschuß gab es einen "Zech", den man aber 1899 ab- schaffte. Welche Bedeutung hat die Sebastianusbruderschaft gehabt? Ihr gehörten ehemals sozusagen alle an vom Adeligen bis zum Knechte, Beamte und Halfen, in Qlehn u. a. die Herren von Schlickum, Lohausen, Schlendern. Der Vogt Budberg von Lied- berg schenkte der Bruderschaft 1550 einen Garten an der Haag, Matheis Driesch, Rentmeister auf Fürth, gab an den Sebastianus- altar zwei kupferne Leuchter zur Ehre Gottes. Ober die Mit- gliederzahl hören wir erst 1654 genaueres. In diesem Jahre begleiteten 56 Brüder die Gottestracht. 1729 zählte man 150 Mit- glieder, 1756: 200, 1857: 247, 1870: 200 (1865 waren die Lied- berger ausgeschieden), 1914: 179. Ehemals beherrschten die Bruderschaften geradezu das öffentliche Leben. Mit dem Kirch- meister vertrat der Brudermeister die Gemeinde. In Büttgen. Schiefbahn, Kaarst und Kleinenbroich hatte die Sebastianus- bruderschaft 1687 als Vertreterin ihrer Gemeinde einen be- sonderen Anteil am Büttgerwalde, nämlich das Recht, drei Pferde weiden zu lassen. Beizeiten überstieg der Einfluß der Bruder- schaften wie auch der Zünfte in den Städten die Grenze des Erlaubten, so daß der Landesherr einschreiten mußte. Der Kur- fürst von Köln bestimmte 1533: "Die alten Schützereien sollen keine der Obrigkeit zuständige Einrichtungen und Ordnungen machen." Der ursprüngliche Zweck der Sebastianusbruderschaften als Wehrorganisation ist längst dahin, ihr Einfluß nicht mehr der frühere, aber geblieben sind sie Stätten echten alten Volkstums und sollten als solche gefördert und gepflegt werden. Aus dem Buch "Liedberg" 1930 von Dr. Jakob Bremer |